Medien-Echo
Bildungsforscher: Lernklima im Elternhaus ist entscheidend
Eltern sollen selbst die Schulbank drücken
Bildungsforscher: Lernklima im Elternhaus ist entscheidend
Scharbeutz (KNA) Für ein besseres Lernklima in den Elternhäusern
wirbt der Bildungsexperte und Buchautor Adolf Timm. Eltern müssten
Vorbilder für ihre Kinder sein, sie fordern ohne sie zu überfordern,
sagte der 64-Jährige am Freitag in einem Interview der Katholischen
Nachrichten-Agentur (KNA) in Scharbeutz. Motivation, "gute
Autorität" und eine gute Beziehung zum Nachwuchs seien der Schlüssel
zum Erfolg, nicht Leistungsdruck.
Timm verwies darauf, dass nach wissenschaftlichen Untersuchungen der
Einfluss der Eltern auf den Schulerfolg ihrer Kinder größer sei als
der von Lehrern und Unterricht zusammen. "Nur kompetente Eltern
haben kompetente Kinder", sagte er. In vielen Kindern stecke mehr,
als sie in der Schule zeigen könnten. Der Pädagoge bezeichnete eine
gute Bildung als Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit der
Gesellschaft. In erster Linie sei es aber eine Frage der Würde, ob
die Jungen und Mädchen ihr Potenzial ausschöpfen könnten.
Zusammen mit dem Jugendforscher Klaus Hurrelmann hat Timm ein
Elterntraining unter dem Motto "Die Gesetze des Schulerfolgs"
entwickelt. Der frühere Leiter der Europaschule in Timmendorfer
Strand hält selbst Seminare für Väter und Mütter ab und bildet
derzeit rund 60 Trainer aus, um die Eltern zu "Lernbegleitern" für
ihre Kinder zu machen. Hurrelmann plädiert schon seit längerem
dafür, nach skandinavischem Vorbild staatliche Transferleistungen
von der Teilnahme an einem Elterntraining abhängig zu machen. Auch
Timm kann sich vorstellen, dass Schulen Lernseminare für Eltern zur
Eingangsvoraussetzung für den Besuch ihrer Schule machen. "Wenn
Eltern, Lehrer und Schüler dann ein harmonisches Dreieck bilden,
erhalten Schule und Elternhaus eine andere Qualität."
Der 64-Jährige rät Schulen und Eltern zugleich zu mehr Gelassenheit.
Der Druck, der durch internationale Untersuchungen und die
öffentliche Diskussion über Bildung auf Jugendlichen, Eltern und
Schulen laste, sei enorm. Schule dürfe nicht zum alles
beherrschenden Thema in Familien werden, und Kinder dürften nicht
auf ihre Noten reduziert werden, unterstreicht er. "Jeder ist gut in
irgendetwas", sagte er. "Niemand soll beschämt werden."
Eltern sollen selbst die Schulbank drücken
Pädagoge Timm: Kinder brauchen Anerkennung
Adolf Timm ist ein Lehrer für Eltern. Der ehemalige Realschulleiter
will ihnen beibringen, wie sie ihre Kinder am besten unterstützen,
vor allem in der Schule. Zusammen mit dem Jugendforscher Klaus
Hurrelmann hat der 64-Jährige das Elterntraining "Die Gesetze des
Schulerfolgs" entwickelt und ist dabei, 60 Trainer für sein Programm
auszubilden. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA)
fasste er am Freitag in Scharbeutz seine Grundsätze zusammen.
KNA: Herr Timm, Sie bieten "Eltern-Schulen" an, damit Väter und
Mütter weniger Fehler in der Erziehung machen. Ist die Lage wirklich
schon so schlimm, dass auch Eltern noch die Schulbank drücken müssen?
Timm: Ein afrikanisches Sprichwort lautet: Zur Erziehung eines
Kindes braucht es ein ganzes Dorf. Zu keiner Zeit und in keiner
Kultur sind die Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder allein
gelassen worden. Auch in Deutschland nicht - man denke nur an die
Großfamilie vor einigen Jahrzehnten. Ja, statt ihre Kinder zur
Nachhilfe zu schicken, sollen Väter und Mütter selbst die Schulbank
drücken.
KNA: Was wollen Sie konkret erreichen?
Timm: Unsere Kinder können mehr. Jeder ist gut in irgendetwas.
Niemand soll beschämt werden. Ob alle Kinder und Jugendlichen ihre
Potenziale ausschöpfen, entscheidet über die Leistungsfähigkeit der
Wirtschaft und die Zukunft unserer Gesellschaft. Aber es ist vor
allem eine Frage ihrer Würde. Nach wissenschaftlichen Untersuchungen
ist der Einfluss der Eltern auf den Schulerfolg ihrer Kinder größer
als der von Lehrern und Unterricht zusammen. Das Elterntraining "Die
Gesetze des Schulerfolgs" qualifiziert Eltern, "Lernbegleiter" ihrer
Kinder zu werden. Nur kompetente Eltern haben kompetente Kinder.
KNA: Machen Untersuchungen wie Pisa oder Erziehungsbücher wie das
"Lob der Disziplin" von Bernhard Bueb zu viel Druck?
Timm: Internationale Vergleiche sind notwendig, und mein Kollege
Bueb hat eine wichtige Diskussion angestoßen. Dennoch: Der Druck,
der auf Kindern und Jugendlichen lastet, ist enorm. Er führt dazu,
dass Schulangst schon Kinder vor ihrem Einschulungstag befällt. Aber
dieser Druck wird vor allem auch von Eltern ausgeübt, die sich
selbst durch die öffentliche Diskussion unter Druck gesetzt fühlen
oder das Vertrauen in unser Bildungswesen verloren haben. Andere
Eltern definieren sich über ihre Kinder, verfallen der
Förderhysterie und blockieren eine gute Weiterentwicklung ihrer
Kinder. Leider ist Eltern und Schule die Gelassenheit völlig
abhanden gekommen.
KNA: Was sind die größten Fehler, die Eltern Ihrer Ansicht nach
machen?
Timm: Fast alle Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Fast alle
wollen ihr Kind selbstständig, sozial verantwortlich und
gleichzeitig auch leistungsfähig erziehen. Aber sie wissen nicht
wie. Ich rate dazu, die Schule nicht zum alles beherrschenden Thema
in den Familien zu machen. Kein Kind darf auf seine Schulnoten
reduziert werden. Für ein gutes Lernklima in der Familie nenne ich 6
Punkte: 1. Kinder brauchen Liebe. 2. Kinder brauchen Anerkennung. 3.
Kinder brauchen Förderung und Forderung. 4. Kinder brauchen Werte
und Vorbilder. 5. Kinder brauchen klare Strukturen und eine "gute
Autorität". 6. Kinder brauchen logische Konsequenzen. Wenn Eltern
sich daran halten, könnten sie auf Verbote weitgehend und auf
Strafen völlig verzichten. Sie könnten auch sonst sehr viel mehr
tun, um die Lernfreude ihrer Kinder zu erhalten.
KNA: Und wie muss sich Schule organisieren, damit die Bildung
gelingt?
Timm: Auf alle Fälle besser als heute. Wenn die Engländer sagen,
"churches change easier than schools" - "die Kirchen ändern sich
leichter als Schulen" - gilt das auch für Deutschland. Viele Schulen
haben sich dennoch auf den Weg gemacht. "Chancengerechtigkeit bei
hoher Leistungsanforderung" ist ihre Devise. Eine gute Schule ist
die, bei der der Sohn des Generaldirektors ebenso zur Produktion des
Wissens beitragen kann wie der Sohn des Facharbeiters. Ganz wichtig
ist, dass Eltern und Lehrer sich als Partner für eine bessere Schule
verstehen und - unter Einbeziehung der Schüler - einen Erziehungs-
und Lernvertrag anstreben.
KNA: Die Probleme von vollen Klassenzimmern, renovierungsbedürftigen
Gebäuden oder veralteten Lehrmitteln dürften sich dadurch allerdings
nicht lösen lassen.
Timm: Eine Schule kann nur so gut sein, wie die Gesellschaft es
zulässt. Wenn in diesen Tagen viele Schüler ihren Platz in der
überfüllten Klasse erst erreichen, indem sie über die Bänke anderer
steigen, ist das auch pädagogisch verhängnisvoll. Der Lehrer wird
bei 32 und mehr Schülern kaum in der Lage sein, zu jedem einzelnen
von ihnen einen den notwendigen pädagogischen Bezug herzustellen.
Neuzeitliche Unterrichtsmethoden wie Individualisierung, innere
Differenzierung, Projektarbeit, selbstreguliertes Lernen, offene
Lerngruppen, soziales Lernen, jahrgangsübergreifendes Lernen sind
die Gelingensfaktoren einer guten Schule.
KNA: Wie wollen Sie Ihr Instrument, die Elterntrainings, weiter
verbreiten?
Timm: Professor Klaus Hurrelmann und ich bilden zur Zeit
deutschlandweit Pädagogen, Psychologen, Sozialpädagogen und
Andersqualifizierte mit Enthusiasmusfaktor als Elterntrainer für
"Die Gesetze des Schulerfolgs" aus. Dieses Training hilft Eltern,
Kindern und Lehrern. Denkbar ist, dass Schulen die Teilnahme an dem
Elterntraining zur Eingangsvoraussetzung für den Besuch ihrer Schule
machen. Wenn Eltern, Lehrer und Schüler dann ein harmonisches
Dreieck bilden, erhalten Schule und Elternhaus eine andere Qualität.
KNA: Wie wollen Sie dabei bildungsferne Schichten - etwa auch
Migranten - erreichen?
Timm: Bildungsungewohnte Eltern gibt es nicht nur in Familien mit
Zuwanderungsgeschichte. Tatsächlich gehört es zu unseren größten
Herausforderungen, alle Eltern zu erreichen. Wir können es um der
Zukunft unserer Gesellschaft willen und um der Zukunft unserer
Kinder willen nicht ins Belieben der Eltern stellen, ihre Kinder zu
fördern oder nicht. Professor Hurrelmann plädiert daher schon lange
dafür - wie in Skandinavien üblich - Transferleistungen von der
Teilnahme an einem Elterntraining abhängig zu machen. Um noch mehr
Eltern noch früher zu erreichen, entwickeln wir eine leicht
verständliche Kita-Version der "Gesetze des Schulerfolgs", die in
Kürze eingesetzt wird. Wenn wir Sponsoren dafür finden, soll sie ins
Türkische, Arabische und Russische übersetzt werden.
Von Christoph Arens (KNA)
Katholische Nachrichten Agentur Bonn (KNA), 28. August 2009
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