Medien-Echo
"Die Weichen zuhause stellen"
Adolf Timm im Interview über die Rolle der Eltern beim Schulerfolg
Elterntraining entwickelt
Kaum etwas ist Eltern so wichtig wie der Erfolg ihrer Kinder in der Schule. Wie lassen sich Erfolg und Leistung optimieren?
Öffentliche Veranstaltung
Strategien für den Schulerfolg
Die Zeitschrift FOCUS-SCHULE und die HNA laden Eltern und Lehrer zu einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung zum Thema "Strategien für den Schulerfolg" ein. Gesprächspartner sind: :
- Dr. Mascha Huster, Anwältin für Schulrecht (Köln)
- Adolf Timm, ehemaliger Direktor der Europaschule Timmendorfer Strand, hat das Elterntraining "Die Gesetze des Schulerfolgs" entwickelt.
- Prof. Martin Korte, Gehirnforscher und Lernexperte von der TU Braunschweig
- Bärbel Buchfeld, Leiterin Offene Schule Waldau
- Moderation: Gaby Miketta, Chefredakteurin von FOCUS-SCHULE
HNA: Gute Bildung entsteht im Elternhaus. Nehmen die Eltern eigentlich ihre Verantwortung genug wahr?
Timm: Nein, vielen Eltern ist nicht bewusst, dass ihr Einfluss auf den Schulerfolg ihrer Kinder größer ist als der von Schule, Unterricht und Lehrern zusammen. Sie geben ihr Kind an der Schultür ab und vertrauen darauf, dass sie nach 12 Jahren mit dem Abiturzeugnis wieder zu Hause ankommen. Dabei werden die Weichen für die Schulkarriere zu Hause gestellt. Es sind die Väter und die Mütter, die den Schlüssel für den Schulerfolg in der Hand halten. Familie als Lernort muss stärker in den Focus der Öffentlichkeit kommen. Wenn Deutschland als Wissensgesellschaft eine Zukunft haben soll, müssen wir hier ansetzen. Nur wenn Schule und Elternhaus zusammenwirken können unsere Kinder ihre Potenziale ausschöpfen.
Zur Person: Adolf Timm, 63 J., war 40 Jahre im Schuldienst und zuletzt Schuldirektor in Timmendorfer Strand. Währenddessen hat er ein Elterntraining entwickelt. Um zu entspannen, geht er am liebsten am Strand spazieren.
HNA: Wäre die Ganztagsschule ein Ausweg?
Timm: Ebenso wenig wie Schule der Reparaturbetrieb unserer Gesellschaft ist, kann sie Reparaturbetrieb für die Familie sein. Die Ganztagsschule ist kein Allheilmittel gegen die Bildungsmisere in Deutschland. Sie ersetzt auf keinen Fall die Eltern und ihre Erziehung. Ihre Einführung ist dennoch aus verschiedenen Gründen wichtig. Kinder kommen weg von der Straße und weg vom Fernseher. Das Lernen in einer rhythmisierten Ganztagsschule kann effektiver werden. Und ganz wichtig ist, dass die Ganztagsschule es unseren Frauen erleichtert, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren.
HNA: Wie hat sich denn das Verhalten von Eltern über die Jahre verändert?
Timm: Nichts ist heute so wie vor 40 Jahren. Auch die Eltern haben sich verändert. Wenn ich als 12-Jähriger am Nachmittag das Haus verlassen habe, um zu spielen, hat meine Mutter mir gesagt, ich solle nach Hause kommen, wenn es dunkel wird. Heute ist die Straßenkultur meiner Kindheit abgelöst worden durch eine Zimmerkultur. Die neue Kindheit ist gekennzeichnet durch zu viele künstliche Welten und zu wenig Erfahrungsräume, durch zu viel Passivität und zu wenig Eigentätigkeit, durch zu viel Fernsehen und zu wenig Primärerfahrungen, durch zu viel Konsum und zu wenig Kreativität. Da müssen die Eltern gegensteuern.
HNA: Wenn es um die Versetzung aus der Grundschule geht, wollen viele Eltern sofort und ohne Bedenken die Versetzung ins Gymnasium, obwohl sie ihrem Kind damit vielleicht gar keinen Gefallen tun.
Timm: Viele Eltern geraten regelrecht in Panik bei dem Gedanken, ihr Kind könne es nicht auf das Gymnasium schaffen. Etwas mehr Gelassenheit ist wichtig, damit sie ihre Kinder nicht unter Druck setzen. Wichtig ist, alle Schulen zu "guten Schulen" umzubauen. Und eine "gute Schule" ist die, die ihren Schülerinnen und Schülern weiterführende Bildungswege eröffnet. Es gibt alternative Wege zum Abitur. In Baden-Württemberg hat z.B. ein Drittel der Studierenden die Hochschulreife über das Berufliche Schulwesen erworben. Die meisten von ihnen waren auf der Realschule.
HNA: Wie kommen wir aus de Teufelskreislauf heraus, dass gerade Eltern aus bildungsfernen Schichten ihre Schulkarriere an ihre Kind weitergeben?
Timm: In keinem Land ist die soziale Vererbung so krass wie in Deutschland. Wenn 16-Jährige auf die Frage, wie sie sich die Zukunft vorstellen, antworten: "Hartz 4" läuft etwas schief in unserer Gesellschaft. Wir brauchen in Deutschland mehr Bildungsgerechtigkeit. Ein Weg ist, die Eltern stärker an die Schule heranzuführen.
HNA: Sie haben ein Elterntraining konzipiert. Wie sieht das aus?
Timm: Das Elterntraining "Die Gesetze des Schulerfolgs" besteht aus den drei Modulen "Mit der Erziehung die Weichen stellen", "Richtig motivieren - besser lernen" sowie "Familie als Lernort gestalten". Die Grundgedanken dieses ersten umfassend schulbezogenen Elterntrainings sind: Unsere Kinder können mehr - Alle wollen lernen - Jeder ist gut in irgendwas - Schulerfolg ist machbar - und ganz wichtig: Niemand soll beschämt werden. Dass alle Kinder ihre Potenziale ausschöpfen ist zur Zukunftsfrage von Wirtschaft und Gesellschaft geworden. Und es ist eine Frage ihrer Würde. Das Elterntraining nimmt die Eltern in die Pflicht. Es vermittelt ihnen die Kompetenzen, zu Lernbegleitern ihrer Kinder zu werden.
HNA: Wie wollen Sie sicherstellen, dass möglichst viele Eltern daran teilnehmen?
Timm: Das ist in der Tat unsere größte Herausforderung. Der Jugendforscher Prof. Hurrelmann plädiert für ein verpflichtendes Elterntraining. Der Staat zahlt gewaltige Summen an Kindergeld. Warum, so fragt Hurrelmann, koppeln wir nicht die Auszahlung an den Besuch eines Elternkurses? Nehmen die Eltern nicht teil, wird es gekürzt. Ich halte es für verfehlt, es den Eltern zu überlassen, ob sie ihre Kinder erziehen oder nicht, ob sie sich für den Schulerfolg einsetzen oder nicht. Die Gesellschaft muss die Eltern in die Pflicht nehmen, wie das z.B. in skandinavischen Ländern der fall ist.
HNA: Muss nicht auch die Schule mehr auf Eltern zugehen, indem sie sie an Schulentscheidungen stärker teilhaben lässt?
Timm: Ja, unbedingt, Lehrer sollten den Eltern eine "Familie-Schule-Partnerschaft" anbieten, in die selbstverständlich die Schülerinnen und Schüler mit einbezogen werden müssen. Elterntraining, eine "Familie-Schule-Partnerschaft" sowie ein "Erziehungs- und Lernvertrag" sind geeignet, die Zusammenarbeit an der Schule zu verbessern ja sie auf eine ganz neue Grundalge zu stellen. Sie schaffen eine "schulische Leitkultur", zu der sich Schüler, Eltern, Lehrer verpflichten. Zu dieser schulischen Leitkultur gehören selbstverständlich auch die Werte und Kompetenzen, ohne die ein geordneter Schulbetrieb nicht zu gestalten ist, wie z.B. auch Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Respekt und Pflichtbewusstsein.
HNA: Andersherum: Sehen Sie eine Möglichkeit, Eltern stärker in die Pflicht zu nehmen?
Timm: In Berlin gibt es eine Schule, die nur noch Kinder auf, deren Eltern an einem Elternkurs teilgenommen haben. Die Nachfrage nach Plätzen an dieser Schule ist größer als das Angebot. - Nicht jammern, sondern handeln bringt uns weiter. Wir brauchen mehr Mut zu kreativen Lösungen. Schulleiter, die an ihrer Schule das Elterntraining einsetzen möchten, können geeignete Lehrekräfte zu Trainern ausbilden lassen. Engagierte Pädagogen, Psychologen oder Dipl.-Sozialpädagogen, die an einer Kursleiter-Ausbildung interessiert sind, informieren sich unter www.elterntraining-schulerfolg.de
Die Fragen stellte Ulrich Riedler
Hessisch-Niedersächsische Allgemeine (HNA, Kassel) 23. August 2008
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